In Kutno lagen wir in der Schule bzw. in den nächsten Häusern, hatten saubere Betten und der Gänsebraten (denn die Burschen hatten solchen besorgt) war gerade fertig, da kamen Olga-Dragoner (aus Stuttgart) zu einigen Stunden Rast. (4)
Oberleutnant Lauke lud einige Herren ein und wir waren bei Gänsebraten und Bier recht vergnügt. Das war auch das letzte Bier auf fast 2 Monate.
Am 2. 12. 1914 marschierten wir auf der Hauptstraße Richtung Osten. Schon von weitem sahen wir brennende Gehöfte und hinten Kanonendonner. Bevor wir die Höhe der Hügelkette westlich von Bielawy erreichten, war halt, die Artillerie fuhr vorbei und der Kommandeur der 11. Thorner Artillerie-Abteilung, ein Oberstleutnant v. Dobzinski, den ich von Thorn her kannte, stolzierte wie ein Hahn herum, baute sein Scherenfernrohr auf einem Feld auf und regulierte nun das Schießen.
Ob er nicht richtig gesehen hat, oder falsche Ziele angegeben hat, jedenfalls hat die schwere Artellerie damals nichts getroffen. Dann ging es auf der Straße weiter, in der Ebene vor dem nächsten Dorf sah ich unsere Inf. sich entwickeln, es wurden auch schon verwundete von den Ärzten in kleiner Deckung verbunden, vom Feind war für uns nichts zu sehen. Den ersten Toten sah ich am Wege bei einer Scheune liegen, einen Russen. Nun ging es über die schmale Brücke bei Bielawy und bald wurden wir eingesetzt. Es ging wie auf dem Exerzierplatz. Das Vorgehen habe ich in der Regimentsgeschichte beschrieben, ebenso das Gelände.
Die Nacht zum 3. 12. 1914 war furchtbar. Der Russe steckte in seinem verdeckten Graben am Waldesrand, wenn wir etwas sehen konnten, schossen wir. Der Mond schien, die Erde war bereift, es fror, nur wenige von den Leuten bei mir waren noch am Leben. In dem einen Graben längs eines Feldweges parallel zum Waldrand traf ich den Hauptmann Kinzel vom Regiment 8, wir beratschlagten was wir tun sollten und bescheinigten uns für alle Fälle in unseren Notizbüchern Zeit und Ort unseres Zusammenseins. Denn Befehle kamen nicht zu uns. Mit einem Mal sahen wir links von uns die Front zurücklaufen, verfolgt und natürlich niedergemacht von den russischen Maschinengewehren. Ein Zurückgehen in diesem Feuer hatte keinen Zweck für uns, als uns der Befehl erreichte „Alles zurück“. Als dann aber unsere Artellerie zu kurz schoß, und zwar dahin, wo wir lagen, ließ ich die Leute zurückkriechen und kurze Sprünge machen.
Einmal sprang ich in ein Granatloch, in dem Verwundete waren, aber es half nichts. Dann fühlte ich einen Schlag auf das linke Gesäß, aber das Geschoß hatte nur den Mantel wie mit einer Schere 20 cm lang aufgeschnitten. Später habe ich 7 Schußlöcher im Mantel gezählt. Als endlich das russische Feuer nachließ, weil endlich unsere Art. in die Nähe der russischen Gräben schoß – der breite und unversehrte Drahtverhau war deutlich zu sehen –, rief ich, es sollte bis zu einem Graben zurückgesprungen werden, der, wie ich beim Vorgehen gemerkt hatte, schräg zurückführte. Der oder die Gräben hatten auch die Schuld, daß sich die Front verworfen hatte. In diesem etwa 1 m tiefen (oder flachen) Graben kroch ich bei Tagesgrauen als letzter von etwa 50 Mann zurück. In ihm lagen viele Tote, stöhnten viele Verwundete. Endlich wurde durchgesagt, (daß) vorn mein Anschluß (sei). Ich Kroch oder ging gebückt vor und traf auf Major Lindenau, der das III. Battallion vom Landwehr-Regiment 8 führte, meldete mich bei ihm, ließ mir meine Meldung nebst Zeit bescheinigen, und blieb mit den Leuten von den verschiedensten Kompanien dort, buddelten uns am Grabenrand ein und so beobachteten wir den ganzen Tag. Der Versuch, einzelne Verwundete vor der Front zu bergen mißlang einigen Sanitätern. Endlich, als es dunkel wurde, und der Mond noch nicht aufgegangen war, konnte an ein Rangieren gedacht werden. (5)
Major Lindenau entließ uns und nun ließ ich die Leute nach ihren Komp. getrennt sprungweise zurückgehen. Ich ging mit den letzten Leuten, die meiner Kompanie angehörten. Wir trafen wieder auf einen schräg rückwärts führenden Graben. Aufrichten konnten wir uns nicht, denn die russischen Kugeln flogen dicht über dem Graben.
Wir trafen noch einen Verwundeten meiner Kompanie, den wir in einer Zeltbahn abschleppten, sammelten Verwundete und so kam ich mit einigen Verwundeten und etwa 20 Mann in Deckungsgelände. Da stand eine Feldartellerie-Batterie, die aber keine Munition mehr hatte. Der anwesende Offizierstellvertreter bat mich zu bleiben, bis die Bespannung käme, gab uns etwas zu Essen. Ich ließ durch seine Kanoniere alle unsere hierher gebrachten Verwundeten auf die Protzen und Geschütze verstauen und abfahren, als die Bespannung kam und zuckelte mit den Heil gebliebenen hinterher in den Ort Bielawy. Der Mond war inzwischen aufgegangen. (6)
(4) Es waren Dragoner des Dragoner-Regiments Königin Olga (1. Württembergisches) Nr. 25
(5) Mit Rangieren ist das Umgruppieren der noch anwesende Kräfte gemeint.
(6) Am 4.12.1914 war, nach Benutzung einer Rechenformel, Vollmond.
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